Ostsee- oder Nordseewellen?
Die Geschichte
des Liedes "Wo de Ostseewellen trekken an den Strand"!
Ob im Kurhaus, in der Kneipe oder der Generalversammlung eines ostfriesischen
Heimatvereins - unerbittlich kommt die Stunde, in der das Orchester oder der
Mann am verstimmten Klavier ein Lied beginnt, das entweder Schunkelreflexe
auslöst oder die Tränen in die Augen treibt oder beides: "Wo de Nordseewellen
trecken an den Strand". Das ist auf Borkum nicht anders als in Carolinensiel,
auf Juist ebenso wie in Norddeich - dieses Lied ist so etwas wie eine
Nationalhymne Ostfrieslands geworden. Dabei kommen diese Wellen von weither: Es
sind nämlich ursprünglich Ostseewellen !
1908 - stand in den damals bedeutenden "Meggendorfer Blättern" ein
plattdeutsches Gedicht. Autor M. Müller-Grählert. Unter der Überschrift "Meine
Heimat" war zu lesen: "Wo de Ostseewellen trecken an den Strand,/wo de gele
Ginster bleugt in'n Dünensand,/wo de Möven schriegen grell in't Sturmgebrus,/da
is mine Heimat, da bün ick to Hus./Well' un Wogenrauschen wär min Weigenlied,/un
de hohen Dünen sehgn min Kinnertied,/sehgn uck all min Sehnsucht un min heit
Begehr,/in de Welt to fleigen oewer Land un Meer./Woll hät mi dat Lewen dit
Verlangen stillt,/hät mi allens gewen, wat min Herz erfüllt;/alles is verswunnen,
wat mi quält un drev,/ hev dat Glück nu funnen, doch de Sehnsucht blev./Sehnsucht
na dat lütte, kahle Inselland,/wo de Ostseewellen trecken an den Strand,/wo de
Möven schriegen grell in't Sturmgebrus,/ denn da is mine Heimat, da bün ick to
Hus!"
Die vorpommersche Schriftstellerin Martha Müller-Grählert schrieb dieses Gedicht
an ihre geliebte Ostsee. An deren Küste, in Barth, war sie am 20. Dezember 1876
als Johanna Daatz geboren worden. Der Zingster Müllermeister Friedrich Grählert
heiratete 1879 die ledige Mutter des Mädchens, gab der kleinen Johanna seinen
Namen und ließ gleichzeitig ihren Vornamen ändern.
Martha Grählert schrieb schon früh Verse. 1907 erschienen in Berlin die
"Schelmenstücke" (mit dem Erstdruck des Gedichts "Mine Heimat"), dann, sämtlich
in Barth, 1920 "Mudder Möllersch' Reis na Berlin", wahrscheinlich 1925 der erste
Band "Sünnenkringel" (wiederum mit dem, nun leicht veränderten Gedicht "Mine
Heimat") und 1931 der zweite Band "Sünnenkringel" .
Die Autorin wußte, daß sie nicht in die erste Reihe der deutschen Dichter
gehörte. So schrieb sie als Widmung in eines ihrer Bücher: "Lütten Sparling bün
ick man,/min Kunst is eng umschräben -/doch möt't uck Sparlings gäben!" (Ein
kleiner Sperling bin ich nur,/meine Kunst ist sehr begrenzt doch es muß auch
Sperlinge geben.)
Martha Grählert hatte 1904 in Berlin den Landwirtschaftsprofessor Max Müller
geheiratet und war mit ihm 1911 nach Japan gegangen. Nach ihrer Rückkehr im
Jahre 1914 brach die Ehe auseinander, und die Autorin geriet in wirtschaftliche
Not. Auch Vortragsreisen und Leseabende konnten ihre Lage nicht wesentlich
mildern. Sie lebte jahrelang in ihrem kleinen "Sünnenkringel"-Haus in Zingst,
mußte dann aber im März 1939 in das Kreisaltersheim Franzburg bei Stralsund
übersiedeln. Hier versorgte die Gemeinde Zingst sie, bis sie in Einsamkeit und
Armut und fast völlig erblindet am 19. November 1939 starb. Auf ihrem Grabkreuz
in Zingst steht der Vers: "Hier is mine Heimat,/hier bün ick to Hus."
Diese Zeilen sind der Refrain ihres Ostseeliedes, das schon 1910 als
zweistimmiges Kunstlied, noch nicht im Walzertakt, in Schondorf's Verlag zu
Braunschweig erschienen war. Ein Jahr später stand es im "Plattdütschen
Leederbook", nach der Melodie "Freiheit, die ich meine". Und seit dieser Zeit
fehlt es in keinem Liederbuch mehr, auf dessen Umschlag ein Schiff durch die
Wogen zieht oder ein Eichbaum sich trutzig in den niederdeutschen Himmel reckt -
seit den dreißiger Jahren allerdings im sentimentalen Walzerrhythmus.
Wie es nun dazu kam, daß dies einzige Gedicht der Martha Müller-Grählert, das
sich wirklich durchsetzte, überhaupt vertont wurde, das ist eine romantische
Geschichte.
Sie begann 1908 oder 1909. Da war ein Flensburger Glasergeselle auf seiner
Wanderschaft nach Zürich gekommen und hatte sich dort niedergelassen. Er trat
dem Züricher ,Arbeiter-Männergesangverein' bei, der zu jener Zeit von einem
Thüringer Dirigenten mit Namen Simon Krannig geleitet wurde. Ihm brachte der
ehemalige Flensburger das Gedicht, das er aus den "Meggendorfer Blättern"
ausgeschnitten hatte und immer bei sich trug. Krannig ließ sich das Gedicht erst
einmal ins Hochdeutsche übersetzen - und fing Feuer! Er setzte sich hin, und
eine halbe Stunde später hatte er die Melodie geboren. Sein Sohn Walter, der
erst vor wenigen Jahren verstarb, hat nie vergessen, wie seinem Vater und dem
Flensburger Glaser nach vollbrachtem Werk die Tränen in den Augen standen.
Vierzehn Tage später erklang das Lied als Männerchor zum ersten mal - am Grabe
des Flensburgers! Dann setzte es sich allmählich an der deutschen Nordseeküste
durch und wurde dort mit seiner zum Walzer zersungenen Melodie ein Heimathit,
vor allem auf den Ostfriesischen Inseln faßte es Fuß - nun mit Nordseewellen.
Der Soltauer Verleger Peter Fischer-Friesenhausen, von dem viele
Postkartengedichte und Spruchweisheiten stammen, gab ihm die endgültige Form -
und war dann der erste, der mit den Wellen gutes Geld verdiente. Er war auch der
einzige, denn der Flensburger Glaser hatte ja nicht einmal mehr die Uraufführung
erlebt. Die Verfasserin, Martha Müller-Grählert, hatte zwar nach langjährigem
Prozessieren die Genugtuung, daß ihr und dem Komponisten 1936 die Urheberrechte
zugesprochen wurden, aber ehe diese Regelung sich auswirken konnte, starb sie.
Fischer-Friesenhausen, der Besitzer der Verlagsrechte, sorgte dafür, daß das
Lied immer weiter unter die Leute kam. Wenn die Norag etwa, der erste Hamburger
Rundfunksender, niederdeutsche Themen behandelte, war das Rauschen der
Meereswellen nicht fern. Und die Frisia-Reederei in Norddeich begrüßte auf ihren
ostfriesischen Inseldampfern die Gäste der Nordsee selbstverständlich mit den
"Nordseewellen".
Die Nordfriesen wollten den Ostfriesen nicht nachstehen ! Das wieder ließ die
Helgoländer nicht ruhen. Sie übertrugen den Text in die alte helgoländische
Sprache, das ,Halluner'. An der westlichen Ostseeküste, von der das Lied
stammte, hat es sich erst spät durchgesetzt - dafür aber bald schon in
Ostpreußen! Zunächst gab es da eine hochdeutsche Nachdichtung, die man
"Ostpreußenlied" nannte. Sie begann: "Wo des Haffes Wellen ziehen an den
Strand,/wo der Elch und Kranich aller Welt bekannt..."
Die ersten Töne wurden vom Reichssender Königsberg eine Zeitlang als
Pausenzeichen benutzt - man übertrug das Lied auch in ostpreußisches Platt - und
für die Memelländer wurde es schon damals so etwas wie eine Nationalhymne. Sogar
die Westfalen im tiefen Binnenland schneiderten sich das Lied auf ihre rote Erde
zu - andere deutsche Landschaften machten es ihnen nach - so gibt es heute
unzählige Variationen. Die kurioseste Fassung gibt es im Fassatal der Dolomiten
in ladinischer, also einer rätoromanischen Sprache. Wie diese Version in die
Dolomiten kam? Franco Dezulian, ein Hotelier aus Canazei, hatte kurz nach dem
Zweiten Weltkrieg die Melodie in Hamburg gehört.
Sie gefiel ihm so gut, daß er auf der Rückreise einen ladinischen Text darauf
schrieb - im Schlafwagen! Die Gesangvereine im Fassatal singen es, und der
Rundfunk in Bozen spielt es als Erkennungsmelodie seiner ladinischen Sendungen.
Natürlich besingen die Leute aus dem Fassatal mit diesem Lied keine Ostseewellen
oder Nordsee-Inseln. In den Bergen sind die Bilder andere - deshalb hier die
erste Strophe des Liedes in deutscher Sprache: "Wo die Wiesen sind mit Blumen
übersät,/wo der Himmel in den schönsten Farben steht,/wo der Berge Frieden jedes
Herz bewegt,/da ist meine Heimat, ist das Fassatal."
Schließlich spülten die Ostseewellen durch ganz Europa und um den gesamten
Erdball. In Schweden spielen sie ihre Rolle in Holland sind es wieder
Nordseewellen, und auch in England gibt es das Lied als Notenblatt und
Schallplatte. Italienisch wird es gesungen und spanisch, und der französische
Text den Titel "Les Flots du Nord".
Die Amerikaner haben eine Lizenz auf das Lied erworben. In Australien wird es
gesungen und in Kanada und in Brasilien. Sogar im Schwarzen Erdteil wurde das
Lied bekannt.
Musikboxen, Rundfunksender und Fernsehanstalten in aller Welt hat es erobert.
Ein reicher Franzose ließ es als Melodie für Spieluhren verewigen.
So ziehen die Wellen von Martha Müller-Grählert und Simon Krannig heute
unermüdlich an die Strände - sei es nun als Rumbamelodie an die Copacabana -
oder als heimatliche Friesenhymne auf den grüngrauen Schlickstrand des
ostfriesischen Nordseebades Neuharlingersiel . Und zwei Generationen der Familie
Krannig haben bestens davon gelebt.